Pfadfinder

Seit Samstag bin ich mehr oder weniger den ganzen Tag mit den Pfadfindern aus Niederrad beschäftigt. Zwischen Vorbereitungen für das Sommerlager meiner Gruppe, Geländespielen mit anderen Stämmen aus dem Umkreis Limburg, einer Projektwoche an einer Grundschule in Niederrad und einem Kinderfest am Donnerstag, hatte ich immer wieder Zeit, kurz einen Schritt zurück zu treten und zu überlegen, warum setze ich mich ein, warum stecke ich Körper und Geist in diese Bewegung, bei der ich zwar schon seit etwa 22 Jahren mitmache, meinem aktuellem Stamm aber erst ein Jahr angehöre.

Heute waren wir auf einem Pfadfindergrundstück in Unterliederbach, mit Grundschülern zwischen 8 und 10 Jahren alt, und kletterten an einem Kletterturm.

Ich lernte die Kinder gestern kennen, als wir auf dem Schulgelände eine Kohte aufstellten und an einem Lagerfeuer Stockbrot backten.

Auf dem Weg zum Grundstück laberte mich ein Junge ununterbrochen eine halbe Stunde zu, was er für Pokemons hat, welche Level diese haben und welchen Pokemon-Typ er als nächstes wählen würde (Wasser).

Mit der Zeit wurde ich immer genervter und hörte nach 10 Minuten nur noch mit halben Ohr zu, weil ich mit den Informationen einfach nichts anfangen konnte. Zwischendrin lief ein blinder Mann durch die Gänge der Bahn und ich konnte verschreckte, interessierte und unsichere Gesichter erkennen, vereinzelt unterdrücktes “der arme Mann”-Flüstern auffangen.

Als wir ankamen, rannten die meisten Kinder erstmal auf dem gesamten Gelände rum, um es zu erkunden. Einige wurden vom Kletterturm angezogen, andere inspizierten einen Gedenkstein, wieder andere verschwanden im Holzlager Waffenlager.

Wir Leiter kümmerten uns darum, die Seile am Kletterturm zu befestigen und das Material bereitzulegen.  Zwischendrin jonglierte ich mit meinen Bällen, die mir meine Mutter nach ihrer Zirkus-Projektwoche geschenkt hatte.

Einige beobachteten mich interessiert und wollten es auch gleich ausprobieren. Die meisten ließen es nach wenigen Versuchen bleiben, auch mein Tipp, nicht aufzugeben, half nicht. Nur ein Mädchen versuchte es weiter und für Bewegungen, für die ich 2 Tage brauchte, benötigte sie ungefähr eine halbe Stunde. Ich zeigte und sagte ihr wie toll ich das fand, was sie weiter anspornte.

Beim Klettern lief es ähnlich. Von den 20 Kindern wollten 5 oder 6 garnicht klettern, was wir Leiter leider nicht genug hinterfragten, vielleicht hatten einige wirklich keine Lust, vielleicht hatten einige Angst vor der Höhe oder von Anderen ausgelacht/bewertet zuw werden oder vertrauten uns nicht.

Diejenigen, die es versuchten, hatten teilweise direkt tolle Erfolgserlebnisse, andere steckten sich zum Teil zu große Ziele (zu schwere Kletterstrecken), versuchten aber direkt eine leichtere Strecke, die sie oft auch meisterten.

Zwischendrin wechselten wir uns beim Sichern ab, gingen rauchen, kümmterten uns um die, die nicht klettern wollten oder saßen einfach in der Sonne. Das klappte meistens ohne Worte oder mit einem knappen Satz.

Nachdem wir eine Mittagspause machten, waren eine etwas überdreht und es kam zu ein paar Plänkeleien und Auseinandersetzungen, die wir als Leiter zuerst nicht mitbekamen, erst zufällig, nachdem ich eine rauchen war. Ich entschied mich gegen ignorieren und dafür, nachzufragen. Mehr schlecht als recht konnte ich die Situation klären. Nach ein paar weiteren Klettereinheiten gab es wieder etwas Stress, woraufhin wir uns entschieden, den Heimweg anzutreten und die Präsentation der Projektwoche vorzubereiten.

Dort erst fiel mir auf, wie begeistert auch Kinder aus anderen Projekten, die schon die letzten Tage immer wieder bei unserem Projekt vorbeischauten, zu unserem Stand kamen und interessiert die Fotos, die unser Stammesvorsitzender schnell entwickeln ließ, anschauten und auch Lehrer meinten, nächstes Jahr sollten wir ein schulübergreifendes Projekt machen. Einige Eltern kamen zu uns, fragten uns, ob wir auch für Geburtstagsfeiern zu buchen seien, was wir erst mal suspekt fanden, dann aber versichterten, dass wir mit den anderen Leitern darüber sprechen würden.

Die ganze Aktion war eigentlich nur geplant worden, um neue Kinder für unseren Stamm zu begeistern, am Ende lernte ich aber sehr viel mehr.

Die Pfadfinderei fordert viel Einsatz, als wir Samstag nach der Planung für das Sommerlager am Lagerfeuer einschliefen, morgens früh zum Geländespiel fuhren, worauf ich eigentlich gar keine Lust hatte und todmüde in der Bahn saß, dachte ich mir, ich könnte jetzt auch völlig betrunken aus einem Club stolpern, was mir in dem Moment viel attraktiver erschien.

Nach der Präsentation merkte ich aber, dass der Einsatz so viel Gutes mit sich zog. Ich bin jeden Morgen um 8 Uhr oder früher wach gewesen, nicht wie die letzten Monate um 13-16 Uhr. Ich lernte, wieviel ich diesen kleinen Menschen beibringen und mitgeben kann und dass ich von Ihnen lernen kann. Nachdem ich dem Pokemon-Nerd später nochmal ansprach und ihm aktiv zuhörte, lernte ich, dass hinter dem, was er über das Spiel spricht, viel von ihm steckt. Ich konnte ihm zugleich zeigen, dass Computerspiele zwar toll sind (ich gucke selbst, seit ich 15 bin, die Welt zum Großteil aus 30cm an), man viel in ihnen lernen kann, dass aber die Natur, die Interaktion mit anderen Lebewesen auch viel zu geben haben. Oft viel tiefergehende Erfahrungen.

Das Mädchen, das immer wieder die Jonglierbälle haben wollte, war eigentlich ein sehr ruhiges Kind, als es nach und nach aber immer besser lernte, wie es funktioniert, schauten auch andere Kinder zu und fingen wieder an, sich mit den Bällen zu beschäftigen.

Ich habe diese Woche wieder soviele Tools und Kniffe gelernt, die ich später an meinen eigenen Kindern anwenden kann. Ich kriege ein viel differenzierteres Gefühl, wie Kinder und meine Mitleiter denken, dass jedes Wesen anders ist und man Niemanden verurteilen kann, weil man nie die ganze Geschichte kennen kann.

Mir ist es sehr wichtig, Menschen ihren Freiraum zu lassen, ihnen nichts vorzuschreiben sondern, wenn es mir nötig erscheint, sie auf etwas hinzuweisen, sie zum selbstständigen Denken anregen,sie in eine Richtung zu schubsen oder zu zeigen, dass ein Blinder vielleicht kein “armer Mann” sein muss, sondern sich sehr gut in der Welt zurechtfinden kann und durch den Verlust oder des Nicht-Vorhandenseins eines Sinnes andere Sinne und dadurch Fähigkeiten gestärkt werden können, mit der er kein Ballast für seine Umwelt, sondern eine Bereicherung ist.

Möglichkeiten statt Barrieren.

Ganz schön quasiweise das Ganze.

Dies ist mein erster Blogeintrag, auch das habe ich der letzten Woche zu verdanken.

Seit Jahren will ich ein Tagebuch schreiben, um meine Gedanken zu ordnen. Morgen ist seit Jahren mein Lieblingswort. Langsam wache ich auf und merke, dass ich mittlerweile seit 8 Jahren jede Kleinigkeit auf Morgen verschiebe, Termine absage, Verabredungen, die ich mit Freunden gemacht habe, nicht einhalte und versuche, anderen das Leben leichter zu machen, den Weg zu ebnen, ohne zu sehen, dass der Haufen vor der eigenen Tür immer größer wird, weil es Dinge gibt, die niemand außer ich selbst für mich erledigen muss.

ToDo-Listen stapeln sich,, denn wenn ich es aufschreibe, werde ich es die Woche schon erledigen. Ich fang jetzt an, sie abzuarbeiten. Auch wenn eine Aufgabe zuerst riesig erscheint, durch Disziplin und Motivation kann man sie oft erklimmen und wenn man die Wand dann von hinten anschaut, sieht man eine Menge Bilder, Erfahungen und Freundschaften, die ein Gemälde bilden, das man Leben nennt.

Vielleicht etwas zu pathetisch am Ende